Ein Lesefest der Superlative
Zu Besuch auf der Frankfurter Buchmesse 2024
Vom 18.-20. Oktober besuchte die 8. Klasse der Wahlpflichtfachgruppe Deutsch Aktiv mit ihrem Lehrer Jürgen Schacherl und der Begleiterin Stefanie Thöny die Frankfurter Buchmesse 2024.
Etwa 7000 Aussteller und um die 100.000 Besucher:innen – ein Lesefest der Superlative. Doch wie immer herrschte auch ein gewaltiges Gewusel, Gedränge und Geschiebe zwischen Lesungen, Signierstunden, Verlagspräsentationen, (gesellschafts)politischen Diskussionen, der Cosplay-Meisterschaft, diversen Siegerehrungen, Cateringständen und zahlreichen anderen Attraktionen.
Booktok, Self Publishing und KI
Die für die Jugendlichen besonders relevanten Bereiche der #fbm24 standen dieses Jahr ganz im Zeichen von #Booktok, Self Publishing und KI. Welche große Rolle vor allem Booktok und die auf Instagram und TikTok, aber auch in den Lesungen und Panels selbstbewusst und reflektiert agierenden Jungautorinnen wie Josi Wismar, Kyra Groh, Ina Taus oder Julia Hausberg spielen, wurde anhand des Trubels deutlich, der sich um sie abspielte. Kira? Ina? Julia? Sagt euch nichts? Dann seid ihr vermutlich nicht (mehr) Teil der Zielgruppe von New Adult, Romantasy, Dark Academy oder Dark Romance. Sehr viele andere hingegen schon.
Fans, Livestreams und Panels
Lange Schlangen junger Menschen, die mit glänzenden Augen Autogramme und Interviews abholen wollten oder sich wie die Lieblingsfiguren ihrer Romane kleideten (Stichwort: Dark Academy). Gezückte Handys, mit denen sie in aufgeregten Livestreams Eindrücke von Begegnungen mit Autor:innen oder anderen Fans festhielten. Prall gefüllte Taschen mit frisch erstandenen New Adult Romanen, wohin das Auge blickte. Aber auch reges Interesse bei jenen Panels, in denen die jungen Künstler:innen dem Publikum, das ihnen an den Lippen hing, sachkundig erklärten, wie das mit der eigenen Karriere klappen könne. Und immer wieder niederschwellige Interaktionen mit dem Publikum: „Geht’s euch eh gut?“, „Habt ihr genug getrunken?“, „Ist’s eh ok für euch, wenn ich schnell ein Selfie von uns für meine Mama mache?“ Very #mindful, very #demure. So viel direkter Kontakt, so viel Achtsamkeit findet man auf der Buchmesse sonst selten.
Lesen ist wieder in
Es wurde deutlich: Lesen kann etwas. Lesen ist wieder in. Wieder? Oder nicht doch vielmehr endlich mal? Denn Booktok hat sich zu einem echten Machtfaktor entwickelt, an dem man im Buchmarkt (und auch in der seriösen Buchkritik) nicht mehr vorbeikommt. Nachdem der Ansturm lesebegeisterter Jugendlicher die Messe letztes Jahr fast zum Erliegen gebracht hatte, war 2024 extra eine neue Halle mit New Adult Zone für diese Zielgruppe eingerichtet worden. Und die hatte es in sich: Regenbogen- und Blumenarrangements, Zauberer und Hexen, geheimnisvolle Portale in dunkle Lesehöhlen – alles erinnerte an eine magisch aufgeladene Traumlandschaft. Visuelle Reizüberflutung war dabei vorprogrammiert.
Zudem wurden auch dieses Jahr wieder die TikTok Book Awards in verschiedenen Kategorien vergeben (Autor:in, Community-Buch, Creator, Bestseller, Verlag), die weniger von traditionellen Kriterien wie literarischer Qualität, gesellschaftspolitischer Relevanz, dem Renommee der Autor:innen oder der Reputation der Verlagshäuser, sondern vor allem von der quirligen und quietschbunten BookTok-Gemeinschaft und der Interaktivität des sozialen Mediums beeinflusst sind.
Nun kann man das natürlich alles belächeln. Die ellenlangen, meist als Serie konzipierten Bücher als oberflächlichen Kitsch bezeichnen. Sich über überholte Geschlechterklischees aufregen. Das schmachtende Fanverhalten als unreif-pubertäre Aufwallung abtun. Die Nachhaltigkeit des Trends in Frage stellen. Die Mechanismen und Gefahren von TikTok kritisieren. Kann man. Muss man aber (in diesem Fall) nicht unbedingt.
Denn man kann sich auch darüber freuen, wie junge Menschen, vornehmlich Frauen, eine Nische für sich finden und sich völlig abseits der traditionellen Gatekeeper des guten Geschmacks neue Kreise erschließen. Und man kann, nein, man muss sich freuen, dass eine neue Generation die wunderschöne Kulturtechnik des Lesens für sich entdeckt, und das in einem Alter, in dem Prägungen fürs Leben passieren können. Die das haptische Erlebnis eines schönen Buches, das schwer in der Hand liegt und das vom Cover, den Klappentext und den aufwändigen Farbschnitt bis hin zum Satz mit Liebe zum Detail gestaltet ist, feiert. Die dann unbedingt auf Instagram oder TikTok über die Lektüre reden will. Denn in ihrer multimodalen Welt, die sich zwischen Inter- und Crossmedialität abspielt, ist das Buch eben nicht nur Selbstzweck, sondern Startpunkt: Für den digitalen Austausch über das Gelesene. Für das Anbandeln von Freund- und Lesegemeinschaften. Für eigene kreative Projekte. Für die Entwicklung der eigenen Persönlichkeit.
Und daher leisten diese Autor:innen vielleicht unbewusst, aber ganz ohne Zweifel einen großen Beitrag zur Leseförderung. Und das muss begrüßt werden. Und das verdient Applaus. Und überhaupt: Die Alternative ist ja nicht, dass die jungen Erwachsenen sich plötzlich sonder Zahl in das Gesamtwerk von Setz, Röggla, Schirach, Jelinek, Özdamar et al. verbeißen oder unersättlich große Klassiker in kleinen gelben Büchern verschlingen. Nein, die Alternative ist, dass sie gar nicht lesen. Oder gar nicht erst zu lesen beginnen. Dann doch lieber Dark Romance als Einstiegsdroge.
Kultur pur in Frankfurt
Neben diesen und anderen intensiven Eindrücken von der Messe machten wir im Deutschen Filminstitut einen wilden Ritt durch die Filmgeschichte und filmische Darstellungstechniken, besuchten das alternative Kulturzentrum Brotfabrik für ein Livekonzert des deutschen Singer-Songwriters Jules Ahoi mit seiner Band, wurden im Kino bei „The Substance“ (Triggerwarnung) auf verstörende Weise mit den dunkelsten Auswüchsen des amerikanischen Schönheits- und Jugendlichkeitswahns konfrontiert (inhaltlich-ästhetisch ein spannender Kontrapunkt zur schönen, bunten, jungen Oberflächenidylle auf Booktok!) und schlugen uns in alter Tradition die Bäuche im indischen Restaurant Indigo voll. Daneben blieb natürlich trotzdem noch genug Zeit für Sightseeing und Shopping.
Erasmus+ ermöglicht Kulturaustausch
Dass uns darüber hinaus nicht nur das Wetter wohlgesonnen war, sondern sich sogar die Deutsche Bahn in bester Pünktlichkeitslaune präsentierte, setzte der gelungenen, von Erasmus+ mitfinanzierten Kulturreise die Krone auf. Erasmus+ ist ein EU-Förderprogramm, das Schüler:innen die Möglichkeit bietet, internationale Erfahrungen zu sammeln. Neben Austauschprojekten oder Auslandspraktika nehmen sie auch an interkulturellen Lernerfahrungen teil, was ihre sprachlichen, sozialen und beruflichen Kompetenzen stärkt. Diese Kompetenzen konnte die Gruppe in verschiedenen Settings unter Beweis stellen: Nicht nur ergab sich die spannende Gelegenheit, sich mit Schüler:innen aus anderen Ländern über ihre Erwartungen an die Messe und Erfahrungen auf dem Gelände auszutauschen. Nein, die Eindrücke und Begegnungen wurden von der Gruppe auch für spannende Videoreportagen filmisch festgehalten.
Prof. Jürgen Schacherl












