Europa als gemeinsamer Gestaltungsraum
Die Europäische Union spielt im Alltag unserer Schule eine große Rolle. Nicht nur beschäftigen wir uns seit mehr als zehn Jahren mit dem Programm Erasmus+
(Austauschreisen nach Frankreich, Italien, Rumänien, Griechenland und in die Türkei sowie nach Straßburg zeugen von unserer europaweiten Vernetzung) und nutzen die Möglichkeiten des Jean Monnet Projekts, um aktive Erinnerungsarbeit zu leisten, sondern befinden uns auch im Bewerbungsprozess, Botschafterschule der Europäischen Union zu werden. Warum ist uns das wichtig? Wir wollen europäische Bildung sichtbar machen, politische Zusammenhänge verständlich vermitteln und junge Menschen dazu ermutigen, Europa nicht nur als coole Reisegegend mit gemeinsamer Währung, spannenden Begegnungsmöglichkeiten und abwechslungsreicher Kultur, sondern tatsächlich als gemeinsamen Gestaltungsraum zu begreifen.
Rund um den Europatag wurde dieser Anspruch in einer Veranstaltung deutlich, die von den Schüler:innen der 7KA und ihren Lehrpersonen Jürgen Schacherl und Christof Thöny mit viel Engagement vorbereitet und organisiert worden war.
Im Mittelpunkt standen zentrale europäische Werte wie Demokratie, Menschenrechte, Freiheit, Rechtsstaatlichkeit, Solidarität, Meinungsfreiheit, Mobilität und Bildung, mithin jene Aspekte, die offene Gemeinschaften erst möglich machen. Die Schüler:innen hatten diese Bereiche im Rahmen des Unterrichts in Kultureller Bildung bearbeitet und in einer Reihe von Plakaten und mehreren Videoreportagen visualisiert. Dazu hatten sie Hintergründe recherchiert und Interviews mit Lehrpersonen und Schüler:innen geführt. Durch die Vielzahl der Stimmen machten sie sichtbar, wie sehr diese Werte unser aller Alltag prägen. Europa blieb dabei nicht ein abstraktes Gebilde aus Verträgen und Institutionen, weit weg und gesichtslos, sondern manifestierte sich als Lebensraum, der Schutz bietet, Möglichkeiten eröffnet und zugleich auf Beteiligung angewiesen ist.
Neben der Präsentation der Projektergebnisse war die von den Schülerinnen Rosa Hoch und Katharina Egger charmant moderierte Veranstaltung von mehreren Impulsvorträgen geprägt: Nach eröffnenden Worten durch Dir. Gerald Fenkart stellte Doris Schnitzer von Europe Direct Vorarlberg die Ideen und Zielsetzungen dieser europäischen Initiative vor und zeigte auf, wie europäische Bildung, Mobilität und Beteiligung konkret gefördert werden. Christof Thöny führte im Anschluss aus, wie Europa durch Erasmus+ und das Jean-Monnet-Projekt konkret erfahrbar wird, nämlich durch Austausch, Begegnung, gemeinsames Lernen und den Blick über nationale Grenzen hinweg. Dieser offene Blick erlaubt es auch, die großen Fragen zu stellen: Wer waren wir? Wie wurden wir zu der Gesellschaft, die wir sind? Und wohin wollen wir uns gemeinsam entwickeln?
Besonders eindrücklich gestaltete sich im Anschluss der Vortrag der ORF-Journalistin Miriam Beller, einer ehemaligen Absolventin unserer Schule. Sie sprach über die europäische Idee nicht als ferne Vision, sondern als konkrete demokratische Erfahrung. Mit Blick auf ihre journalistische Arbeit und ihre Beobachtungen in Russland und der Ukraine machte sie deutlich, wie verletzlich jene Freiheiten sind, die uns oft selbstverständlich erscheinen: Frei reisen zu können, eine eigene Meinung zu äußern, unabhängige Medien zu nutzen, den Wunschberuf zu wählen, Bücher zu lesen, die nicht staatlich kontrolliert sind, und in einer Schule zu lernen, in der Inhalte nicht über Nacht ausgetauscht werden, weil sie politisch nicht mehr opportun sind.
Ihr Gedankenexperiment war einfach, aber wirksam: Stellt euch vor, sagte sie, all das wäre plötzlich nicht mehr möglich. Stellt euch vor, Schulbücher würden ersetzt, Lehrer:innen müssten andere Inhalte vermitteln oder würden bei Weigerung denunziert, Stellt euch vor, Medien dürften nur noch sagen, was dem Staat nützt, Reisen würden eingeschränkt, Kritik würde lebensbedrohlich. Was wäre dann, was würdet ihr tun?
Gerade dieser Vergleich mit autoritären Staaten machte deutlich, dass Demokratie kein Zustand ist, den man einmal erreicht hat und dann auf alle Ewigkeit besitzt. Sie braucht Schutz, Aufmerksamkeit und Menschen, vor allem auch junge Menschen, die bereit sind, mitzuwirken.
Daraus leitete sie einen eindringlichen Appell an die Schüler:innen ab: Mischt euch ein! Beteiligung beginnt nicht auf der Ebene des Europäischen Parlaments. Sie beginnt in der Schule, in der Gemeinde, in Vereinen, in der Zivilgesellschaft, in Gesprächen, Projekten und Entscheidungen des Alltags. Alles, was unser Leben prägt, ist politisch. Und nicht politisch zu sein oder sich aus jedem Diskurs auszuklinken, mag aufgrund der schieren Menge an schlechten Neuigkeiten, die täglich über uns hereinprasseln, zwar menschlich verständlich sein, ist aber ein Luxus, den wir uns in einer verletzlichen Demokratie nicht mehr leisten können.
Und wenn diese Veranstaltung etwas gezeigt hat, dann, dass europäische Bildung gelingen kann. Informiert, kritisch, kreativ. Danke allen Gästen und Projektbeteiligten, aber vor allem danke den Schüler:innen, denen in ihrer multimedialen Auseinandersetzung mit der EU und ihren Möglichkeiten ein wichtiger Beitrag zu Medienkompetenz und politischer Urteilsfähigkeit gelungen ist.
Prof. Jürgen Schacherl und Prof. Christof Thöny
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