Hogwarts Vibes in St. Gallen: Exkursion in die Stiftsbibliothek

Am 12.12.24 besuchten die Wahlpflichtfachgruppen Deutsch und Latein der 7. Klassen und ihre Lehrer Jürgen Schacherl und Thomas Amann die Stiftsbibliothek St. Gallen.

Beim Betreten des imposanten barocken Lesesaals verschlug es uns sofort die Sprache, und das nicht nur, weil dort frostige Temperaturen herrschten: Waren wir nicht mehr in St. Gallen, sondern in Hogwarts gelandet? Reihen um Reihen von uralten, in Leder oder Holzdeckel gebundenen Büchern, Verschnörkelungen, wohin man blickte, Deckenmalereien, dunkle, schwere Holzregale, geheime Winkel, knarrende Dielen, versteckte Treppen, verhuschte Gespräche, kurz: Alles, was das Herz der Fans von Dark Academia, Fantasy und Mittelalter erfreut. Man glaubte beinahe, irgendwo Albus Dumbledore und Severus Snape verschwörerisch murmeln zu hören.

Doch auch abseits der märchenhaften Assoziationen bietet die Bibliothek vieles. Das Stift, Teil des UNESCO-Weltkulturerbes, ist etwa 1300 Jahre alt, der Klosterplan, der um etwa 800 entstanden ist, gilt als der älteste Architekturplan Europas. Die Masse an Büchern und Exponaten übersteigt beinahe das Vorstellungsvermögen: Unter den über 170.000 Titeln, die in der Stiftsbibliothek St. Gallen lagern (im Lesesaal selbst sollen es um die 30.000 sein), befinden sich tausende Handschriften, von denen sehr viele aus der Zeit vor 1100 stammen. Zu den besonderen Schätzen, welche die Bibliothek ihr Eigen nennt, zählen zum Beispiel eine Niederschrift des Nibelungenlieds aus dem 13. Jahrhundert oder das älteste erhaltene deutsche Buch, der Abrogans aus dem 8. Jahrhundert. Der Abrogans ist ein althochdeusch-lateinisches Synonymwörterbuch und damit ein wichtiger Einblick in die Urform der deutschen Sprache.
Im Rahmen unserer Tour lernten wir die Systematik kennen (nicht nach Alphabet, sondern nach Größe sortiert, um die Regalflächen optimal zu nutzen), machten Bekanntschaft mit der im Lesesaal ausgestellten Mumie der Schepenese (aus Pietätsgründen sind keine Fotos erlaubt) und staunten über das Replikat des berühmten St. Galler Globus, der in imposanter Größe die Welt zeigte, wie sie Mitte des 16. Jahrhunderts bekannt war.

Um die alten Texte, die in wechselnden Ausstellungen im Lesesaal für das Publikum zugänglich sind (der aktuelle Fokus liegt auf abenteuerlichen Heiligenlegenden, die nicht selten mit dem gewaltvollen Tod der Hauptfigur enden), nicht zu stark in Mitleidenschaft zu ziehen, muss die Luftfeuchtigkeit im Raum konstant bei ca. 50% liegen und die direkte Lichteinwirkung muss so gering wie möglich sein. So sind im Saal immer jene Vorhänge zugezogen, durch welche die Sonne in den Raum strahlt. Darüber hinaus müssen jede Woche neue Seiten in den ausgestellten Pergamenthandschriften aufgeschlagen werden, damit diese Schätze nicht vergilben und ausbleichen.

Der zweite Teil der Tour führte uns in den Gewölbekeller, wo die wirklich wertvollen Prachtexponate wie das Evangelium Longum, das um 900 gefertigt wurde und sich durch prachtvolle Elfenbeinschnitzereien auszeichnet, ausgestellt sind. Unsere Guides konnten (oder wollten) uns jedoch keine konkreten Summen nennen: „Es handelt sich hier um Schätze ohne Preisschild.“ Na gut. Erst nach mehrfacher hartnäckiger Nachfrage kam der Hinweis, dass gerade das Evangelium Longum wohl im Bereich von 100-200 Millionen Euro liege.

Nicht zu Unrecht gilt die Stiftsbibliothek, dieses mysteriöse Reich zwischen Geschichte, Religion, Märchen, Magie und Wissenschaft, also als eine der wichtigsten Handschriftenbibliotheken der Welt, in der einige der teuersten Schätze der Kultur- und Buchgeschichte lagern, und deren Besuch wir nur allen ans Herz legen können.

Prof. Jürgen Schacherl